Weihnachtsrundbrief 2011
Sunday January 1st, 2012Meine lieben Freunde:
Friede und Heil.
Wiederum ganz liebe Grüsse – diesmal noch – aus unserem Paradies, dem Baulager im Alto Beni. Es wird wohl mein letzter Rundbrief aus dem Baulager sein. Ein ganz herzliches Vergelts Gott für eure Spenden auf mein Missionskonto bei der Raiba 4122 Arnreit.
Das heurige Jahr war sehr abwechslungsreich. Wir begannen mit 75 Studenten, eine relativ geringe Zahl, aber es war wieder eine nette Gruppe. Für Ende Juni war ich eingeladen bei einer Missionstagung in Wien teilzunehmen. Ich benützte die Gelegenheit um mich einer längst fälligen Hüftoperation zu unterziehen. Mir wurde im Krankenhaus der Barmh. Schwestern in Linz eine Endoprothese eingesetzt. Nach einer wirklich gut gelungenen Operation und 3 Wochen Reha in Wilhering reiste ich frisch gestärkt wieder nach Bolivien. Verzeiht, dass ich viele nicht besuchen konnte, aber ich wollte so schnell wie möglich wieder zurück nach Bolivien. Danke Fr. Florenz, der mir das ermöglichte.
Schon vor meiner Reise nach Österreich wurde mir, zwar noch inoffiziell aber doch sehr klar mitgeteilt, dass die bolivianische Franziskanerprovinz das Projekt OSCAR Ende 2011 schliessen will. Es gibt mehrere Gründe dafür. Zuerst einmal der Personalmangel. Unsere Provinz ist stark überaltert. Ich selbst gehöre zur stärksten Altersgruppe innerhalb der Provinz, zwischen 65 und 85 Jahren. Es kommen junge Franziskaner nach, aber nicht so schnell, wie wir alten wegsterben. Ausserdem ist die franziskanische Jugend nicht mehr sosehr interessiert an dieser Art von Seelsorge mitten im Urwald. So müssen wohl oder übel einige Häuser geschlossen werden.
Ein weiterer Grund ist die fehlende Sicherheit bei der Finanzierung. Gerade 2011 haben wir das ganz gewaltig spüren müssen. Das Jahresbudget 2011 für unseren grössten Finanzbrocken, dem Weg- und Brückenbau, wurde erst am 30 August bewilligt, also mitten unterm Jahr. Dazu kommt noch, dass diese Gelder von USAID kommen, einer Institution, der vom Präsidenten Evo Morales immer wieder der Ausschluss droht. Unsere jetzige Regierung ist jedenfalls gegen alle ONGs.
Ich kehrte von Österreich nach Bolivien zurück mit dem speziellen Auftrag allerseits, meine Hüfte zu schonen. Nun, ich glaube ich tat es auch, aber ich vergass dabei, dass andere Körperteile auch mehr Aufmerksamkeit benötigten. Die späte Finanzierung, die uns arbeitsmässig unter Druck setzte, die Vorbereitungen für das WANN, WO und WIE der Schliessung von OSCAR, der Tod eines mir sehr nahestehenden Neffen, all das liess mich nächtelang nicht mehr schlafen. Am 2. Oktober, Gott sei Dank war ich zufällig in La Paz, wurde ich mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert. Mir wurde ein Bypass eingesetzt. Nach dem obligaten Krankenhaus-aufenthalt und der anschliessenden ärztlichen Nachbetreuung in La Paz durfte ich erst am 24. November wieder zurück ins Baulager. Gott sei Dank bin ich wieder gesund und kann meiner Arbeit wieder nachgehen, wenn auch nicht mit der ganzen Kraft wie früher.
Heute kommt mir das Lied der Lorelei in den Sinn: Ich weiss nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin… 32 Jahre (2 Jahre als Professor, und 30 Jahre als Direktor) war ich in OSCAR, nun wird das Projekt geschlossen. Ich muss mir selbst ehrlich eingestehen, dass es mich traurig stimmt, das Projekt, dem ich mein Leben gegeben habe, nun selbst schliessen zu müssen. Es wird noch einige Monate dauern, bis alles auch wirklich geschlossen ist, aber die Entscheidung ist gefällt. Ich muss aber auch ehrlich zugestehen, dass dies die vernünftigste Lösung ist. In der jetzigen politischen Konjunktur ist es schwierig geworden solche Projekte durchzuführen.
Die ersten, die nicht ganz einverstanden waren mit der Schliessung, waren unsere Arbeiter und Angestellten. Natürlich, für sie bedeutet das den Verlust ihres bisher sicheren Arbeitsplatzes.Von Seiten der Bevölkerung kam natürlich auch ein gewisser Druck gegen die Schliessung des Projekts, und es wurde sogar vorgeschlagen einen Marsch nach Cochabamba zu organisieren, um unseren Provinzial umzustimmen. Ich musste ihnen aber klarmachen, dass dieses Druckmittel in der Politik wirksam sein könnte, gewiss aber nicht unter den Franziskanern. Es kamen auch Stimmen auf, die eine gewaltsame Beschlagnahme von Baulager und Maschinen vorschlugen. Wir konnten uns aber in verschiedenen Versammlungen mit der Bevölkerung darüber einigen, dass OSCAR friedlich und ohne Schwierigkeiten schliessen kann.
Ein Leitsatz von P. Miguel Dooling, dem Gründer des Projekts, sagte: wir bauen keine Wege, wir bauen Menschen. Ein ähnliches Ziel hatte ich mit den Studenten: nicht Evangelium zu verkünden, sondern unser Leben zur Frohbotschaft für andere zu machen. Wir haben über 3000 Studenten in dieser Linie erzogen. Leider färbt die spätere Erziehung an der Uni so stark ab, dass unsere Linie in Vielem erstickt. In 4 Programmen (Wegbau, Erziehung, Gesundheit und Agroökologie) versuchten wir Menschen in abgelegenen Gegenden Boliviens Hilfe zur Selbsthilfe zu werden. Gerade am Gesundheitssektor, im Kampf gegen die Leishmaniasis, haben wir grosse Fortschritte gemacht, speziell mit der Naturmedizin mit der ich mich selbst auch von dieser Krankheit heilte.
Tausende von Indios kamen mit uns in Verbindung und haben ihre Lebenssituation dadurch wesentlich verbessert. Nicht unsere Bauten die wir zurücklassen sind das wichtigste. Wir haben Menschen verschiedener Religionsgruppen und politischer Richtungen vereint zu einer Arbeit zum Wohl aller. Wenn ich heute zurückschaue, so muss ich dem Herrgott danken, dass wir diese 30 Jahre mit all den Schwierigkeiten immer wieder überstanden haben. Wir haben aber auch vielen Gönnern zu danken, die es immer wieder möglich machten neue Projekte zu starten und durchzuführen. Es gehört aber auch ein spezieller Dank all den Arbeitern und Angestellten, die in diesen Jahren durch ihre Arbeit das OSCAR Projekt möglich gemacht haben.
OSCARs Rückzug schränkt nicht nur die sozialen Arbeiten ein, sondern auch die seelsorgliche Betreuung dieses Gebietes. Wir haben ausgeholfen in einer Pfarrei mit über 200 Aussenstationen. Grade in diesen letzten Wochen werde ich gebeten Dörfer zu besuchen und „noch einmal die Taufe zu spenden, wer weiss, wann ein anderer Priester kommt“ wie mir ein Dorfvorsteher sagte. Es tut mir wirklich leid so viele Menschen ohne pastorelle Begleitung zurücklassen zu müssen. Ich habe dieses Thema schon mehrmals berührt: unsere liebe Mutter Kirche sollte sich bald etwas einfallen lassen, wie man auch abgelegene Gegenden pastorell betreuen kann. Es entsteht ein immer grösseres Loch wo unsere jetzigen Pfarren nicht mehr präsent sind. Aber Rom ist, so scheint es, zu weit weg vom Urwald Boliviens um unsere Situation verstehen zu können.
Nun nochmals ganz liebe Grüsse an euch alle. Ich wünsche euch den Frieden des Herzens für dieses Weihnachtsfest und den Segen Gottes für das Jahr 2012. Meine E-mail adresse bleibt gleich, aber meine Postadresse wird sich in ca. 3 Monaten ändern.
Fr. Roberto Eckerstorfer, ofm
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