Dezember 2008

Rundbrief 2008 von Roberto Eckerstorfer

Samstag, 20. Dezember 2008

Meine lieben Freunde:

Wiederum herzliche Grüsse aus Bolivien. Um es gleich vorwegzunehmen: ein ganz herzliches Vergelts Gott für alle Unterstützung, die ich während des abgelaufenen Jahres von vielen von euch erhalten habe. Ich weiss, auch bei euch ist die Situation nicht mehr so rosig, umso mehr weiss ich eure Unterstützung zu schätzen.

Wie gehts im Paradies? Gestern kam ich aus La Paz nach ca. 6 Stunden Fahrt wieder ins Baulager. Vorgestern musste ich meinem Aufsichtsrat in La Paz den Jahresbericht vorlegen. Diesmal kam von den Militärs ein Ofizier, der nicht aufhören wollte zu fragen; aber das ist ja nur gut so. Es ist nur schade, dass diejenigen, die in den Büros von La Paz sitzen, eigentlich wenig Ahnung haben von ihrem eigenen Land. Jetzt kommen noch verschiedene Rechnungsprüfungen welche uns die Finanzierer vorschreiben; auch das hilft uns nur, dass unsere Arbeit gewissenhaft und auch sauber abgeschlossen wird.

Ich bin nun 27 Jahre Direktor von OSCAR (eigentlich schon höchste Zeit, dass ein anderer übernimmt), aber heuer im Oktober ist es mir zum ersten Mal passiert, dass ich unseren Arbeitern die Löhne nicht bezahlen konnte. Die Spannung zwischen unserer Regierung und USAID, die nordamerikanische Hilfsorganisation, hat auch uns ganz arg betroffen, speziell am Wegbauprogramm.

Im Erziehungsprogramm, neben dem Bau von 20 Lehrerwohungen in Inicua, haben wir in erster Linie unsere LehrerInnenbildungsanstalt wieder geschlossen. Die katholische Universität von La Paz, eine der renomiertesten im Land, hatte 38 Zentren für die Ausbildung von Lehrern am Land geschaffen. Eines davon waren wir. Die Gewerkschaft der Lehrer hat dagegen Einspruch erhoben und so mussten diese Zentren wieder geschlossen werden. Leider; aber „unsere“ jungen Lehrer waren ein Dorn im Auge der Gewerkschaft, denn wir „drillten“ unsere Studenten nicht mit trotzkistischen Thesen, sondern, nach einer wirklich guten Auslese, mit einer gediegenen pädagogischen Ausbildung. Die 86 Lehrer, die aus unserer LBA hervorgingen, arbeiten zum Grossteil auszezeichnet in verschiedenen Schulen von Alto Beni.

Schon seit zwei Jahren schreibe ich immer, dass wir dabei sind ein Naturheilmittel gegen die Leishmaniasis (weisse Lepra) zu schaffen. Die Biochemie der Universität von La Paz hat nun die ersten Produkte geschickt. Wir selbst haben bereits angefangen mit einem eigenen Produkt: es kommt natürlich weit billiger als die von Europa importierten Medikamente, aber wir kommen mit beiden über ca 65-70% Erfolgsquote nicht hinaus (mit den chemischen Produkten erreichen wir ca. 85-90% Erfolg). Nur sind dieses sündteuer und bringen sehr schädliche Seiteneffekte mit für den Körper. Was uns bei der Leishmaniasis am meisten beunruhigt ist, dass seit etwa zwei Jahren die Anzahl der erkrankten Kinder und sogar von Säuglingen so stark wächst.

Bei der Vorlage des heurigen Jahresberichts wurde ich gefragt, was wir eigentlich erreicht haben in der Zone. Haben wir nicht nur viel gearbeitet, sondern hatte diese Arbeit auch einen Sinn? Bauten (Wege in Kilometern, Brücken, Schulräume usw.) zeigen nur wieviel du gearbeitet hast, nicht wieviel du wirklich erreicht hast im Leben anderer.

Es ist nicht immer lecht, diese Frage zu beantworten. Aber, wenn ich jetzt zurückschaue, so muss ich sagen, dass wir hier in dieser Gegend einen grossen Einfluss ausgeübt haben über die Bevölkerung. Was uns imer wieder „nachgesagt“ wird ist, dass wir Eigenleistung verlangten. Nicht in Form von Geld, sondern in Arbeit, Essen für die Arbeiter usw. Was am Anfang grosse Überredungskunst verlangte, ist heute ganz einfach Selbstverständlichkeit: dass alle mitarbeiten müssen. Für mich ist das der beste Beweis, dass die Leute von uns etwas gelernt haben: ihre eigenen Probleme zu analysieren, un konkrete Vorschläge auszuarbeiten, wo dann alle mitmachen. Das ist für mich auch gelebtes Christentum: seine eigenen Wünsche ein wenig hintanzustellen und etwas für die Gemeinschaft zu tun.

Das Anwachsen der Schulen ist auch ein guter Indikator. Durch unsere verschiedenen Programme wird die Erziehung gefördert. Im Vergleich zu allen anderen Schulen in den Dörfern der Gemeinde Palos Blancos (21.000 Einwohner) hat die Schule von Inicua (in unserer Zone) den grössten Schülerzuwachs seit 2001 (dem Jahr wo wir hier begonnen haben). Es sind nicht so sehr neue Familien dazugekommen, sondern die Familien sind jetzt vereint, weil es einen sicheren Weg gibt, Trinkwasser in mehreren Kolonien, Gesundheits-versorgung, usw. Ausserdem gehen jetzt wirklich fast alle Kinder in die Schule, was vor wenigen Jahren nicht der Fall war, speziell bei Mädchen.

Weiters ist der Aufschwung des Gesundheitspostens von Inicua aufschlussreich. Als wir 2001 kamen arbeitete dort ein Hilfssanitäter. Heute sind dort zwei Ärzte, eine Zahnärztin und der Hilfssanitäter beschäftigt. Wiederum: der grösste Zuwachs in Vergleich zu allen anderen Gesundheitsstationen.

Im pastoralen Bereich haben wir seit einigen Wochen wieder einen Pfarrer für die mehr als 110 Aussenstationen unseres Gebietes. Wir vom Baulager helfen bei der Pastoralarbeit mit. Ich habe schon öfteres erwähnt, dass uns die Sekten bei lebendigem Leib auffressen, weil sie in jeder kleinen Gemeinschaft einen „Pastor“ haben und wir von der kath. Kirche nicht. Nun gibt es aber einen sakramentalen Auftrieb, der nicht gerade von unserer Pastoralarbeit abhängt. Unser Präsident Evo Morales bezahlt einen Bonus an Schulkinder und an Alte Leute. Viele von diesen hatten bisher keine Dokumente. Nun wollen sie alle Geburtsurkunden. Da in zivilen Büros zu viel Schindluder getrieben wird mit den Dokumenten, verlangt man von allen das Taufzeugnis. Darum wollen sich jetzt alle taufen lassen, auch die Omas von 75 Jahren. Für uns, ein etwas fadenscheiniges Argument…

Vor einigen Woche wurde ich 65. Leider habe ich das Formular für das Pensionsansuchen irgendwo verschustert… Also, weiterarbeiten, bis ich es finde. Solange mir der Herrgott die nötige Gesundheit schenkt, habe ich nichts dagegen; aber es wäre gut, wenn frisches Blut nachkäme. Ich fürchte nur ein wenig, dass wir hier im OSCAR Projekt dem Beispiel der Dinosaurier folgen: Spezie im Aussterben. Vor einigen Wochen hatten wir Provinzkapitel der Franziskaner. Es sind sehr wenige, die Interesse zeigen im Paradies zu arbeiten.

Noch ein kurzer Gedanke:

Als kleine Kinder „glauben wir an das Christkind“

Später „glauben wir nicht mehr an das Christkind“

Noch später WERDEN WIR SELBER CHRISTKIND für andere.

Gerade das möchte ich jeden von Euch wünschen: dass Ihr im kommenden Weihnachtsfest so viel Kraft bekommt, damit ihr im Jahr 2009 FROHBOTEN  werden könnt für andere. Darin liegt der wahre Segen Gottes.

Liebe Grüsse, Euer Fr. Roberto Eckerstorfer, ofm